Ryo Kato

Katastrophen, Verantwortung & Mut in beeindruckenden Farben.

Würde man Ryo Katos Bildern eine Stimme geben, dann würden sie nicht flüstern, sondern lauthals schreien. Denn seine Bildsprache ist absolut einzigartig und farblich imposant. Mutig wagte Ryo Kato einen kompletten Neuanfang in Europa, von der Vision des Malens infiziert. Seine Bilder zeigen Worst-Case-Szenarien, die in Zukunft möglich sein könnten – die Konsequenzen unüberlegter Ausbeutung der Umwelt durch den Menschen.

Datum19. Januar 2017 / Ort Berlin / Fotos 13

Hallo Ryo Kato! Ich freue mich, dass es geklappt hat und du mich hier in deinem Atelier empfängst. Erzähl ein bisschen, wie deine Bilder entstehen.

Ich habe eine detaillierte Vision vom Motiv und mache mit Bleistift eine Skizze davon. Diese bewegt sich in meinem Kopf, als ob es ein Film wäre. Während ich male, entwickelt sich die Szene währenddessen noch weiter. Das ist wie improvisiertes Musizieren – ich habe in dem Moment das konkrete Bedürfnis, dass ich die Farbe genau so auftragen will, also muss ich es so machen.

Ich arbeite explosiv.

Hast du schon einen Titel für deine neuen Bilder?

Das Thema ist immer da – Umweltproblematik oder etwas in diese Richtung. Die Bildtitel überlege ich mir meistens etwas später. Ich arbeite normalerweise auf großen Formaten, da kann ich mich am besten ausdrücken. Kleine Formate entsprechen nicht meinem Stil.

Deine Arbeiten zeigen etwas Besonderes, weil du dich nicht selbst in den Vordergrund deines Werks stellst, sondern problematische Themen wie den Zustand der Umwelt heute.

Stimmt, meistens stellen sich Künstler selbst dar. Ich betrachte mich selbst nicht als Hauptdarsteller, sondern als Mittler in meiner Kunst. Ich drücke die Thematik aus. Ich interessiere mich, was auf der Welt passiert. Ich bin sehr neugierig und informiere mich.

Was für ein Ort ist die Welt für dich?

Für mich ist die Welt ein schöner Ort. Es gibt trotz der vielen Umweltkatastrophen immer noch schöne Seiten. Meine Bilder sind wie eine Warnung –  was ich in meinen Bildern darstelle, möchte ich nicht in der Realität sehen. Menschen sind an schlimme Szenen so sehr gewöhnt, dass ich diese Thematik absichtlich extremer darstelle und damit mehr Aufmerksamkeit erzielen möchte.

Meine Motive sind kein Wunsch, sondern eine Warnung.

In Japan interessieren sich die Menschen nicht so sehr für das Thema Umwelt. Nach Fukushima waren sie ein wenig interessierter an dem Thema, aber nicht dauerhaft. Dokumentationen bringen nicht so viel. Ich möchte, dass Menschen durch meine Kunst wirklich merken, wie schlimm es um die Umwelt steht. Ich war schon mal bei Greenpeace und habe bei mehreren Aktionen mitgemacht – das ist wichtige Arbeit, die dort gemacht wird. Aber ich denke, dass ich mit der Kunst als Methode noch mehr Aufmerksamkeit für das Thema Umwelt bekommen kann als mit Aktionen.

Ich möchte mit meiner Kunst mehr erreichen als nur bekannt zu werden. Sie soll einen Sinn und Zweck haben. Darin sehe ich meine Aufgabe.

Das heißt, du hast einen starken Sinn für Verantwortung.

Ich kann nicht einfach meinen Mund halten. Ich glaube, dass die Welt irgendwann untergehen kann, wenn die Menschheit sich weiter vermehrt und die Natur weiterhin kaputt macht. Die Menschheit besitzt eine hohe Intelligenz und hat den Sinn, das Leben zu genießen. Wir können unsere Intelligenz auch anders nutzen, indem wir uns mehr Gedanken um die Erde machen.

Welche Farben erinnern dich an zuhause, an Okayama in Japan?

Das ist schwer zu sagen. Ich bin auf einem Dorf in den Bergen aufgewachsen, also wären das eher natürliche Farben. Farbe bedeutet für mich eher ein Gefühl. Ein glückliches Gefühl, Trauer, Wut, … In der Musik wären meine Farben die Noten. Ich habe auch in Tokio gelebt. Ich kann nicht sagen, woher meine Farbigkeit kommt. Es muss einen Grund geben, wieso man eine bestimmte Ästhetik hat, das kann man nicht lernen. Es kommt darauf an, was man gesehen hat, erlebt hat und wie man damit umgegangen ist. Ich kann das nicht erklären, weil Farbigkeit Instinkt ist. Es ist spontan. Ich glaube, wenn man plant, dann kann man nicht so flüssig arbeiten. Für mich gibt es keine schmutzigen Farben –  wichtig ist, wie man sie kombiniert.

Ich muss von meinem Bild selbst überrascht werden.

Ich habe nie Angst, etwas falsch zu machen. In jedem Moment kann man die Arbeit immer verbessern. Ich glaube, das ist der Grund, weshalb ich so arbeiten kann. Wenn man sich erst Gedanken um Farben machen muss, ist man meiner Meinung nach nicht für den Künstlerberuf befähigt. Als Künstler muss man intuitiv etwas schaffen können. Meine Bilder haben eine ähnliche optische Tendenz, aber jedes einzelne Bild hat doch sein eigenes Thema. Das geht nur, weil ich intuitiv arbeite. Ich möchte nicht genau so arbeiten wie auf dem Entwurf – das wäre langweilig. Ich experimentiere gerne, weil ich keine Angst und Spaß beim Arbeiten habe.

Ich bin selbst sehr kritisch mit meinen Bildern. Wenn ich nicht zufrieden bin, zerstöre ich die Bilder. Mittlerweile kämpfe ich hartnäckiger bei jedem Bild und versuche es zu verbessern, bis es harmonisch wirkt. Man kann immer eine Lösung finden.

Interessant an deinem Werk finde ich, dass du schon sehr früh deine Handschrift hattest. Viele Künstler probieren das oder jenes aus, bis sie ein Markenzeichen entwickeln, während bei dir die grelle Farbigkeit und der kontrastreiche Duktus schnell deutlich waren.

Ich glaube, das hat mit meinem Schicksal zu tun. Als Kind war mir schon klar, dass ich Künstler werden wollte und habe mich mit Kunst generell beschäftigt. Mit 16 oder 17 hatte ich schon einen eigenen Stil entwickelt. Zeichnen habe ich mir als Kind selbst beigebracht. Sehr früh hatte ich Motivation, um meinen eigenen Stil zu entwickeln. Realistisch malen konnte ich, aber ich wollte unbedingt etwas Eigenes schaffen. Nach dem Gymnasium bin ich nach Paris und habe täglich Skizzen mit Ölfarbe erstellt, damit ich so schnell wie möglich meinen eigenen Stil entdecken konnte.

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Dann hatte ich eine Vision von einem Mann, aus dessen Bauch ein Ast wächst. Das war wie mein Thema, das ich sogar schon fand, bevor ich meinen eigenen Stil hatte. Bei vielen Künstlern ist es so, dass man kein eigenes Ziel hat und viel ausprobiert. Seit 1998 habe ich meinen Stil kontinuierlich weiterentwickelt und gar nicht wie viel andere Stile ausprobieren müssen, weil ich schon wusste, wie und was ich malen will.

Wie haben deine Eltern reagiert, als du von deinen Auswanderungsplänen erzählt hast?

Ich hatte eine außergewöhnliche Kindheit und bin schnell reif geworden. Schon mit 16 haben sie mich nicht mehr als Kind behandelt, sondern ich konnte mit ihnen auf Augenhöhe sprechen. Meine Entscheidung war so fest, dass mich keiner davon abbringen konnte. Ich habe alles selbständig vorbereitet –  Französisch gelernt, Malkurse von meinem eigenen Geld bezahlt –  und damit bewiesen, dass ich schon selbständig alles machen kann. Meine Eltern haben mir dabei nicht geholfen, ich habe das alles selbst gemacht. Ich war immer etwas speziell für meine Eltern.

Hörst du Musik beim Malen?

Oh ja! Gerne ganz laut, deshalb habe ich auch diese Boxen hier. Musik spielt schon eine sehr große Rolle. Es kommt ganz darauf an, welche Fantasie ich im Kopf habe. Früher habe ich wirklich nur ganz harte Musik gehört. Manchmal, wenn das Gefühl so explodiert, wenn ich zB Wut ausdrücken möchte, dann höre ich entsprechende Musik dazu. Abends kann ich kaum arbeiten, am besten ist es, wenn ich gleich nach dem Aufstehen anfange und den Kopf frei habe. Dann bin ich am kreativsten.

Meine Ideen sind wie Visionen – so lange diese noch frisch sind, kann ich sie direkt auf der Leinwand ausdrücken.

Wenn ein bisschen Zeit vergeht oder eine neue Idee kommt, verschwimmen sie. Ich muss gar nicht denken oder überlegen, was ich male, die Ideen kommen automatisch und ständig.

Was ist das größte Kompliment, das dir jemand machen kann?

Wenn mir jemand sagt, dass ich etwas Neues, Bedeutendes schaffe. Ich bin Künstler und ich möchte etwas komplett Einzigartiges kreieren. Beispielsweise hat [mein Professor] Daniel Richter immer wieder seine Themen gewechselt. Ich war damals einfach neugierig, mit ihm zu sprechen, und als ich mich bei ihm beworben hatte, besuchte er mich sogar persönlich in meinem Atelier. Durch dieses Gespräch ist mir klar geworden, dass ich meinen eigenen Weg gehe.

Danke, Ryo. Dein Mut und deine Entschlossenheit sind beeindruckend.

Auf Ryos Website findest du seine aktuellen Arbeiten und internationale Ausstellungen. Sieh dir außerdem Ryo in Action bei seiner Mal-Performance im Präfekturmuseum in Okayama an und folge ihm auf Facebook.

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