Constantin Schroeder

Wie man seine Träume in die Form von Bildern bringt.

Charakteristisch: seine Hemden mit dem auffälligen Kragen. Sein Großvater: Philosoph. Die Kultiviertheit und das Traditionsbewusstsein in seiner Familie beeinflussten Constantins Entscheidung, u. a. Theologie zu studieren. Künstler Constantin Schroeder empfing mich in seinem Atelier mitten in Berlin, das gleichzeitig auch seine Wohnung ist. Bei unserem authentischen Gespräch vergaßen wir glatt den Hintergrund des Interviews.

Datum12. Januar 2017 / Ort Berlin / Fotos 8

 

Hallo Constantin Schroeder! Schön, hier zu sein. Wie hast du Künstler hier kennengelernt?

Ich war auf keiner Akademie, deshalb kannte ich keinen einzigen Künstler. Wenn ich auf Vernissagen gegangen bin, hatte ich viel zu viel Respekt vor Künstlern, um sie einfach anzuquatschen. Dann kam ich irgendwann in einen Künstlersalon, wo einmal im Monat ausgestellt wurde. Da waren fast keine Käufer oder Leute, die Geld hatten, sondern Künstler, Schauspieler, Filmleute, Theaterleute, Schriftsteller, Maler, Bildhauer, … Letzten Endes bin ich dann in diese Szene hineingerutscht. Und später auch durch Galerien, die Künstler vernetzen. Das ist eine große Bereicherung. Man muss leider sagen, dass man mit einigen Künstlern nicht reden kann, weil sie komisch sind. Und dann gibt es welche, mit denen kann man auch ehrlich über Bilder diskutieren. Ein befreundeter Künstler hat mir mal gesagt: „Merkwürdig, dass du oft Künstler magst, die ganz anders malen als du.“ Und das stimmt tatsächlich! Vielleicht ist das sogar ganz gut, weil ich dann nicht versuche, jemanden nachzuäffen.

Am liebsten male ich und beobachte Menschen. Das sind im Grunde Sozialstudien.

In deinem frühen Werk hast du deine Sozialstudien in der Darstellung von dekadenten Szenen verarbeitet, z.B. Orgien.

Das war Gesellschaftskritik oder vielmehr die Darstellung von Dekadenz. Dekadenz hat auch etwas Positives – das hat etwas mit gutem Essen, schöner Kleidung und vielen schönen Dingen zu tun. Es ist wie eine paradiesische Insel abseits von Gewalt, Armut etc. Man kann Gutes und Schlechtes daran finden. Ich will nicht sagen: „Leute, ihr sollt dies oder das nicht tun – nehmt keine Drogen, habt keinen Sex!“ Aber ich möchte einen Spiegel hinstellen: „Ihr seid vielleicht toll, aber seid ihr nicht auch ganz einsam?“ Dieses Thema ist für mich weniger präsent geworden. Mittlerweile nehme ich eher eine neutrale Betrachterrolle ein und stelle Melancholisches, Ernstes und Unheimliches dar. Das finde ich viel interessanter als Heiterkeit in meinen Bildern – außer im Privatleben, denn ich mag es nicht, wenn Menschen eine negative Weltsicht haben. Ich möchte, dass das, was meine Bilder zeigen, besser ist als die banale Wirklichkeit.

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In Träumen gibt es tolle Räume und Figuren – man hat sie im Alltag nicht getroffen, aber im Traum werden sie dann ganz konkret.

Als ich mich auf unser Gespräch vorbereitet habe, habe ich gemerkt, wie sehr du Materialien, Strukturen, Texturen und deren Darstellung liebst.

Ja genau, so etwas liebe ich eigentlich sehr, finde es aber schade, dass ich es viel zu wenig mache. Wenn dir das auffällt, freut mich das. Solche Sachen finde ich sehr faszinierend – sie sind aufwändig, wenn man beispielsweise wie hier Fell malt. Diese Haare dort haben auch ewig gebraucht. Und man kann es noch viel perfekter machen – aber es soll ja ein Gemälde sein und man soll ruhig sehen, wie es gemacht ist. Wenn man davortritt, sieht man die einzelnen Farbschichten. Teilweise sind sie gekratzt, manche Schichten sind mit einem weichen Pinsel, andere mit einem harten Pinsel bearbeitet.

Wie du die Staturen deiner Figuren malst / stark, muskulös, trainiert / stellt eine gewisse Heldenhaftigkeit dar.

Dieser Ritter ist wie ein Held für mich. Ich stelle Figuren gerne stark idealisiert dar. Ich mag Helden, Geister, das Fantastische. Dinge, die man im Alltag nicht so häufig trifft. Ich male häufig Tagträume – Situationen, in denen man plötzlich Ideen hat. Dann kann man die Geschichte weiterspinnen – die Figur wird zum Helden oder die Situation wird realistisch, beispielsweise durch das Mobiliar oder die Beleuchtung. Diese Träume erfasse ich und träume sie weiter. Und dann verändert es sich nochmal auf der Leinwand und das würde ich auch als Träumerei bezeichnen.

 

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… und kehren immer wieder?

Nein, ich glaube, es sind immer neue Figuren. Erinnerungen an die Raumsituationen und Beleuchtung in Träumen muss man sich merken und dann versuchen, ein Bild daraus zu machen. Die Sachen, die aus dem Unterbewussten kommen, sind auf eine bestimmte Art wahrer als die Wirklichkeit. Wahrer als die Banalität des Alltags, die überall auf der Welt gleich ist. Was Künstler im besten Falle machen, ist die Überhöhung und Problematisierung menschlicher Höhen und Eigenschaften und diese mit Hilfe von Utopien anderen vor Augen zu führen. Das ist für mich Kunst: alles, was nicht natürlich oder banal ist.

Ich möchte als Künstler Utopien entwerfen, in die man sich hineinflüchten kann.

Jetzt, wo ich hier bin, gewinne ich den Eindruck, dass dir Authentizität sehr wichtig ist und dass deine Bilder das transportieren.

Das stimmt. Wobei es gar nicht so einfach ist, immer authentisch zu sein. Ich weiß nicht, ob ich das immer hinbekomme. Es gibt viele Widersprüche zwischen mir als Person und dem, was ich male. Ein Trugschluss ist, dass die Leute denken, dass alles, was ein Künstler hervorbringt, mit seiner eigenen Psyche, Verfassung und Erfahrungshorizont zu tun haben muss. Ich glaube, dass man zB als Künstler verstümmelte Kinder malen kann und trotzdem eine glückliche Kindheit gehabt haben kann. Oder dass man Orgien malt und selbst nie an einer teilgenommen hat. Ausnahme: Meine Bilder haben durch mein Studium viele religiöse Anspielungen, das kann man nicht bestreiten.

Schon mal passiert, dass du ein Bild übermalt hast, weil du nicht zufrieden warst?

Sicher! Ich lege Wert auf Details, aber an manchen Tagen bin ich ungeduldig und unzufrieden. Dann kann es sein, dass ich das Bild übermale. Manche Bilder halte ich sogar für unvorzeigbar. Wenn ich ein bestimmtes Projekt, eine konkrete Idee habe, spüre ich eine innere Unruhe. Ich male jeden Tag: Wenn du ein Instrument spielst, willst du jeden Tag üben. So ist das bei mir auch. Am Anfang habe ich in den Tag hinein gemalt, aber das funktioniert für mich überhaupt nicht. Ich habe festgestellt, dass es für mich am besten ist, wenn ich ganz früh aufstehe: um 5:30 Uhr. Spätestens um 9:00 Uhr beginne ich mit dem Malen, die Vormittage sind perfekt dafür. Das nächtliche Malen nimmt meinen inneren Rhythmus weg.

Viele deiner Bilder tragen eine melancholische Schwere. Als Betrachter fühlt man sich an diesen Schauplätzen nicht unbedingt wohl, aber es ist definitiv interessant, dass man allein durch das Betrachten ein Teil der Situation sein kann.

Danke. Wenn ich aus Versehen etwas Fröhliches male, dann denke ich darüber viel nach.

Ich finde Ernsthaftigkeit viel interessanter als Fröhlichkeit.

Ich habe überlegt, was einen Künstler in seiner Persönlichkeit auszeichnen kann und für mich herausgefunden, dass Künstler beispielsweise neugierig, d h vielseitig interessiert und auch, dass sie Genießer sind. Stimmst du dieser These zu?

Ja. Wobei ich gar nicht weiß, ob das nur auf Künstler zutrifft. Da geht es glaube ich viel um etwas Haptisches, etwas Fühlbares. Auch Schmecken und Riechen gehört für mich dazu. Deshalb habe ich viele Freunde, die Essen und Gemeinschaft lieben. Am stärksten trifft das Genießen meiner Meinung nach auf das bewusste Farbempfinden zu. Wenn man jeden Tag Farben mischt, dann ist man in der Wahrnehmung geschult: Das Beobachten von Menschen, Farben, Licht, Natur – wenn man etwas abbilden möchte, dann ist das Haupthandwerk das Beobachten und bewusst wahrnehmen.

Farben transportieren für mich immer eine Stimmung.

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Empfiehlst du anderen jungen Künstlern Berlin als Ort, um zu beginnen?

Ich glaube ja. Zum Arbeiten ist Berlin perfekt – die Mieten sind noch vergleichsweise günstig, man kann Menschen aus aller Herren Länder kennenlernen und die Atmosphäre hier ist sehr inspirierend. Wenn ich zu meinen Eltern fahre, die auf dem Land leben, dann ist dort nur Natur und im Vergleich zu hier totenstill. Auf Dauer ohne Menschen würde ich wahnsinnig werden. Ich liebe es, Menschen zu beobachten, Dinge aufzunehmen und Kultur um mich herum zu haben.

Letzte Frage: Was frühstückst du gerne?

Ich esse Müsli, ganz einfach.

Vielen Dank, Constantin! Dein Café-Tipp in Mitte ist unschlagbar: Das Café oliv ist wirklich absolut zu empfehlen.

Wie könnt ihr auf dem Laufenden bleiben? Ganz klar: Constantins Website und Instagram.

Gespräch, Text & Fotografie: Eva Karl

So, was denkst du?

Ich freue mich über deine Gedanken zu Constantin. Gleich hier reinschreiben.

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