My State on the Art 2017

Thinking Out Loud

Hallo, Kunst. Wie kann ich ausdrücken, wie ich dich sehe? Beispielsweise attraktiv, vielseitig, widersprüchlich, ausdrucksstark, … Hör mir am besten gut zu, denn ich habe einige – genau genommen 11 – Dinge zu sagen. Auch manche Fragen werden aufkommen. Ich gehe davon aus, dass du dafür bereit bist.

Datum18. Mai 2017 /

ATTRAKTIV

Du ziehst unzählige Menschen an – seit geraumer Zeit und auch noch jetzt, mehr als je zuvor. Jeder möchte ein Foto mit dir – ist das für dich in Ordnung? Bist du wirklich so narzisstisch? Und bist du damit auch verantwortlich für die 250.000.000 Bilder, die mit dir verlinkt sind, #kunst? Kennen dich diese Leute wirklich, die dich auf ihre Selfies zerren? Wie kann man überhaupt in deinem Alter noch so attraktiv sein (schließlich schätzt man dich auf mindestens 40.000 Jahre …) – sogar für die jüngsten Generationen? Vielleicht, weil du nie aufgehört hast, dich neu zu erfinden. Ich würde das als eine deiner größten Stärken bezeichnen und ich schätze dich aufrichtig dafür: Du regst zu neuen Ausdrucksformen an.

AUSGEFLIPPT

Du bist mysteriös und anscheinend am besten ein paar wenigen Leuten bekannt, dessen große Lebensaufgabe darin zu bestehen scheint, dich wenigstens ein kleines bisschen besser zu kennen. Diese Menschen reisen von Paris über Hong Kong nach Miami in zwei Wochen, nur um bei dir zu sein, deine neuesten Ideen zu betrachten und irgendwie bekommst du es hin, sie ein Leben lang in deinen Bann zu ziehen. Wie schaffst du das? Klingt nach einem sehr anstrengenden Job, an jedem einzelnen Tag das Interesse der Menschen zu wecken, sie zu unterhalten und zu bewegen. Trotzdem habe ich bisher noch niemanden gesehen, der aufgibt, dich zu studieren oder der es nicht mehr weiter versucht, dich besser zu verstehen. Bist du wirklich so komplex und vielseitig? Wie kannst du überall zur selben Zeit sein? FOMO (Fear Of Missing Out = Angst, etwas zu verpassen) verbreitet sich immer schneller. Denn Instagram gibt dir den Anschein, als wärst du nur an deinem neuesten Standort vorzufinden, und Leute folgen dir überall hin, um auf dem Laufenden zu bleiben.

ALLROUNDER

Könige im 15. Jahrhundert sind genauso sehr zu dir hingezogen wie unscheinbare Arbeiter im 19. Jahrhundert. Heutzutage sind Kinder genauso von dir fasziniert wie ältere Menschen. Du bist zu einem Teil des täglichen Lebens geworden und nimmst trotzdem weiterhin eine Sonderstellung ein. Und dann sind da noch die Menschen, die sich selbst „Künst-ler“ nennen, wie ein Teil von dir, also dir zugehörig. Verkaufst du Lizenzen mit deinem Namen oder wieso ist es etwas so Angesehenes, Erstrebenswertes, sich als Anhänger von dir zu bezeichnen? Du tanzt, du schweigst, du malst, du musizierst, du zeichnest, und du inspirierst Mode, Technologie und Politik. Kann mir jemand bitte mal sagen, was du nicht kannst? Aber wer hat dir das alles beigebracht?

AVANT-GARDE

Wenn man dich nicht zu bändigen versucht, bist du für dein kritisches Denken und deinen Pioniergeist bekannt – über die gesamte Geschichte hinweg. Du bist dem, was die Öffentlichkeit denkt, zehn Schritte voraus. Du magst es nicht, kleinkariert zu denken und bist ein waghalsiger Status-Quo-Umstürzler. Bist du zufällig mit diesen Neulingen namens „A.I.“ (Artificial Intelligence = Künstliche Intelligenz) befreundet und plant ihr beide zukünftig gemeinsame Projekte? Ich wette Ja – denn dein Hauptantrieb ist es, anders zu sein und neue Dinge und Herangehensweisen zu erforschen. Kann man also sagen, dass nach all den Jahren, in welchen du den Menschen ziemlich gut kennengelernt hast, nun Maschinen und Algorithmen deine neuen besten Freunde sind?

SÜCHTIG NACH NAMEN

Namen, Namen, Namen, verbunden mit bestimmten Institutionen an ganz bestimmten Orten. Diese scheinen die Währung zu sein, die dich wohlhabend gemacht hat – sehr sogar. Und am besten lerne ich meine Vokabeln schnell, damit ich mit den Leuten sprechen kann, die als deine Verfechter auftreten. Qualität scheint dir wichtig zu sein, aber manchmal frage ich mich, ob du nicht vielleicht mittlerweile sehr von kommerzieller Markenbildung beeinflusst bist. Natürlich ist Geld etwas Nettes, und mal ganz ehrlich, du magst es bestimmt auch ein bisschen. Aber ist ein „Name“ automatisch auch ein Synonym für Qualität? Welche Faktoren sind ausschlaggebend, um die Qualität einer Arbeit zu bestimmen – ist es das Netzwerk, das ein Name hinter sich versammelt oder geht es dabei um das eigentliche Kunstwerk und die Gedanken dahinter? Möchtest du wirklich eine Kultur der Selbstvermarktung fördern?

INDIVIDUALISTISCH

Du bist für viele verschiedene Eigenschaften bekannt. Man gibt dir unterschiedliche Namenzusätze wie z.B. „konkret“ oder „zeitgenössisch“ und sogar besondere Begriffe wie „abstrakter Expressionismus“ ordnet man dir als Quelle zu. Du spiegelst den Zeitgeist präzise, ohne erhobenen Zeigefinger und doch elegant wider. Du bist kein Lehrer, aber du lehrst sehr viel. Du bist eine Berühmtheit und zeigst dich doch nie selbst auf roten Teppichen. Stattdessen schickst du deine Repräsentanten, deine Vertrauten – meistens „Kuratoren“ genannt. Sie ernten Lorbeeren dafür, dass sie die Wahrnehmung dessen verändern bzw. erweitern, was Leute von dir denken, und das in jeder einzelnen Ausstellung, in der sie sich meist auf eine deiner vielen Eigenschaften fokussieren. Ist es das, was du sein möchtest: ein sich ständig veränderndes, unberechenbares Rätsel?

HOCHNÄSIG

Ich gebe zu, dass du ein kluges Wesen bist. Zahlreiche Leute machen ihren Doktortitel in einem dir zugehörigen Bereich. Sie versuchen, deine Geschichte zu analysieren – wo du herkommst, wer dich inspiriert und welche Art von Gedanken du hervorrufst. Du bist wissenschaftlich und gelehrt. Zumindest kannst du das sein. Aber was ich nicht verstehe, ist die Tatsache, dass es Menschen gibt, die denken, dass sie dich aufgrund ihres akademischen Abschlusses um Welten besser kennen. Versteh mich nicht falsch, ich respektiere wirklich die Mühe und das Durchhaltevermögen, die diese Leute in das Verfassen ihrer Dokumente stecken. Ich weiß, dass ich durch das Lesen dieser einiges lernen kann. Aber kommt Wissen dem KENNEN von etwas/jemandem gleich? Es ist die gleiche alte Frage. Welche Art der Bildung oder Vorkenntnisse setzt du voraus, damit jemand dich wirklich KENNEN kann? Stellst du Kontakt lieber auf der Basis von Wissenschaft oder Gefühlen her? Magst du stets eine Verbindung herstellen oder manchmal einfach nur in Ruhe gelassen, bewundert werden, nicht verstanden oder analysiert – einfach so? Denn ich weiß, dass du auch ein Ästhet bist. Ein sehr schlauer.

WIDERSPRÜCHLICH

Du bist eine Plattform für viele verschiedene Personen: Du stellst dich freiwillig für Menschen mit unterschiedlichsten Weltanschauungen als Werkzeug ihres beabsichtigten Ausdrucks zur Verfügung. Du machst ihre Erinnerungen, Emotionen und Visionen greifbar, ohne sie zu bewerten. Bist du nur ein Instrument jedes Einzelnen oder hast du auch eine eigene Meinung? Wie ist dein Charakter beschaffen? Du kombinierst Kampf mit Frieden, erträgst sanfte Melodien neben traumatisierenden Performances, du konfrontierst politische Realitäten mit idealistischen Utopien. Fühlst du dich manchmal benutzt? Vor langer Zeit warst du einmal eine heilige, konservative und der Elite vorbehaltene Begebenheit und jetzt bist du Teil des täglichen Lebens, manchmal eine Bühne für Sex und Gewalt und ein Auslöser für die Emotionen vieler. Bist du wirklich so unvoreingenommen, urteilslos und reizvoll, wie du dich in deiner Vielseitigkeit zeigst?

AUSDRUCKSSTARK

Du spiegelst den menschlichen Verstand und den aktuellen Zustand der Welt wider – manchmal machst du das, ohne dass du direkt in dich hineinsehen lässt, nur von einem bestimmten Abstand. Man kann dich nicht zähmen. Wenn man das versucht, wirst du zu einem schwerwiegenden Werkzeug für Massenmanipulation. Du bist unvorhersehbar, weil du die Fähigkeit des Menschen, sich auszudrücken, verkörperst. In Filmen wärst du der Held, die gute Figur – herausfordernd, vielleicht verstörend und mit Sicherheit nicht immer vorbildlich – aber in deinem besten Zustand bist du authentisch, der verlängerte Arm des Menschen für seine Gefühle. Du kannst derb, wild und frei sein, weshalb es eine derbe, wilde und befreiende Auswirkung haben kann, sich mit dir zu befassen. Dabei geht es um die Momente, in denen es klickt: Wenn ich auf einen winzigen Teil von dir („Kunstwerk“) schaue und bemerke, dass dessen Wirkung genau zu meinem jetzigen Zustand passt. Du bist präsent und kannst auch nur voll und ganz in der Gegenwart erfahren werden. Nicht auf einem Bildschirm, nicht in digitaler Aufbereitung, sondern nur im Moment und mit allen Sinnen involviert. Meine eigene, unaufschiebbare und höchstpersönliche Erfahrung.

FOMO

Gleichzeitig reflektierst du den aktuellen Zeitgeist. Im Bezug auf diese technik-affinen Millenials: Sie denken, sie wären gut mit dir befreundet, weil manche von ihnen (mich eingeschlossen) dich regelmäßig auf ihren Instagram Feeds posten und dir liebevoll ihre handgemachten 5-Sekunden-Stories widmen. Sie denken, sie kennen dich. Und was machst du, liebe Kunst? Du lässt damit Personen ein bisschen FOMO (fear of missing out) verteilen – überall dort, wo sie ein Foto mit dir hochladen. Dabei lässt du eine neidische, kunst-durstige Menge zurück, die sich wünscht, sie könnte überall dort sein, wo du bist, und den heiligen Kunstgral finden. Sie sind Pilger des von Gleichförmigkeit geprägten Lebensstils von digitalen Nomaden im 21. Jahrhundert mit einem süßen Kulturbelag. Sie leben ein künstlerisches Jet-Set-Leben, stets bereit für die nächste Instagram-Pose. Irgendwie möchten sie anwesend sein, ein Teil von dem, was du baust. Im Bezug auf Gebäude: Du lebst in Künstlerateliers, Galerien, Kunstmessen, Biennalen, Documentas, Museen und den erstklassig eingerichteten Häusern von Sammlern. Du bietest sogar Künstlerresidenzen an – wie wäre es mal mit einem festen Wohnsitz für dich, du rastloser Wanderer? Auf mich wirkt es, als ob du alles haben könntest – denn auf deine ganz eigene Art hast du einen treuen Stamm aufgebaut, der deine Ambitionen in aller Welt umsetzt, wie fleißige Bienen in einem Bienenstock. Hast du diese Menschen persönlich um Mithilfe in deinem Netzwerk gebeten?

DU & ICH

Was bedeutest du mir, Kunst, oder welche Art von Beziehung führen wir gerade? Kann ich dich einen Freund nennen, unter der Voraussetzung, dass ein Freund für mich jemand ist, mit dem ich mein Leben, meine Träume und Erfahrungen teile? Zu den genannten Punkten würde ich Ja sagen, doch in Bezug auf deine Persönlichkeit würde ich dich eher als eigenes, sehr individualistisches Wesen bezeichnen. Auf eine bestimmte Weise bist du immer sichtbar, aber nicht immer zugänglich. Zumindest zum jetzigen Zeitpunkt. Es gibt immerhin tausende Leute, die Kontakt mit dir suchen – bist du damit einverstanden? Würdest du dich als das zeigen, was du wirklich bist, ohne erhobene Nase, nicht kühl, sondern aufrüttelnd und berührend bis zum Kern meiner selbst? Lass mich dir sagen, dass ich unserer Beziehung verpflichtet bin, ich bin voll dabei. Und ich kann mir lebhaft vorstellen, wie aufgeregt du darüber bist, denn eine Sache beinhaltest du mit absoluter Sicherheit nicht: Langeweile!

Wo werden wir beide wohl in einem Jahr stehen?
Wir werden sehen!

Was hast du noch zu ergänzen, wo stimmst du mir zu und welche der genannten Fragen macht für dich überhaupt keinen Sinn?

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