Dr. Eva Kraus

Relevanz und Interdisziplinarität in der Museumsarbeit

Museumsdirektorin, Galeristin, promovierte Kunstpädagogin, Kuratorin, Gründerin, Designerin, Mutter, … – so vielseitig der Werdegang von Dr. Eva Kraus auch scheint, so entschieden wusste sie bereits von früh an, welchen Weg sie gehen wollte: den im Bereich der Museologie. Nicht nur damit hat sie sich einen Namen gemacht – seit etwa zweieinhalb Jahren führt sie mit innovativen Ausstellungen wie „WEtransFORM“ erfolgreich das Staatliche Museum für Kunst und Design in Nürnberg.

Datum31. Mai 2017 / Ort Nürnberg / Fotos 8

1. Vielen Dank, dass Sie sich Zeit nehmen! Wie sind Sie auf diesem Stuhl hier gelandet? Ihre Biografie ist sehr eindrucksvoll.
Ich habe trotz der „Umwege“ einen sehr stringenten Weg verfolgt: Ich wusste schon als junge Studentin, dass ich ein Museum leiten möchte. Aber manche Leute, die meine Vita lesen, finden, ich hätte mir das einfacher machen können – indem man beispielsweise Kunstgeschichte studiert, dann ein Volontariat im Museum macht und anschließend die kuratorische Laufbahn einschlägt. Doch das hätte mir nicht gelegen. Ich habe stattdessen viel Erfahrung in anderen Bereichen gesammelt und merke, dass ich mich auch an den nicht-kuratorischen Schauplätzen gut auskenne und mitreden kann – egal, um welche Disziplin es hier im Haus geht. Ich hatte auch lange eine eigene Galerie, wo man von A bis Z alles selbst macht: Ich habe die Schrauben selbst in die Wand gedreht, Kaffee gekocht, Pressetexte geschrieben und internationale Verbindungen zu Sammlern gepflegt. Der Beruf des Galeristen ist sehr abwechslungsreich, weshalb man in allen Bereichen kreativ sein muss.

Ich wusste immer schon, dass ich einmal ein Museum leiten möchte.

Deshalb habe ich während des Studiums der angewandten Kunst in Wien dort schon am Museum für Angewandte Kunst Praktikas gemacht sowie danach in New York in diesem Bereich ebenfalls an Museen gearbeitet. Gleichzeitig habe ich als Grafikerin Geld verdient und viel Ausstellungsdesign gemacht. Später, zurück in Wien, konnte ich eine Stiftung leiten, wo man häufig mit rechtlichen Fragen zu tun hat und mit politischen Themen konfrontiert ist, um Gelder zu generieren. Nach einigen Jahren dort bin ich wieder nach München gezogen und habe meine Dissertation nachgeholt, weil ich wusste, dass man in Deutschland leichter vorankommt, wenn man einen Doktortitel vorweisen kann. Parallel dazu habe ich in der Galerie viel über den Kunstmarkt lernen können – darauf basiert im Grunde die Arbeit, von der ich im Museum heute stark profitiere: Teil eines internationalen Netzwerks von Kunstakteuren zu sein. Seitdem arbeite ich verstärkt in der bildenden Kunst, auch wenn ich die Architektur und das Design sehr schätze. Meine Neugierde gilt den verschiedenen Disziplinen und ihrer Grenzüberschreitung, insbesondere in den Avantgarden des 20./21. Jahrhunderts.

Je mehr man weiß, desto spannender wird es.

2. Was ist Ihrer Meinung nach noch sehr wichtig, um in der Kunstwelt Fuß zu fassen?
Wie gesagt, ein gutes Netzwerk ist am wichtigsten. Das theoretische Wissen – beispielsweise eine Künstlerliste von A bis Z oder ein generelles Who Is Who in der Kunstwelt – kann man sich aneignen, aber ein Netzwerk muss man sich erarbeiten.

3. Was sind die Ihrer Meinung nach wichtigsten Aufgaben und Strategien eines Kurators?
Vor allen Dingen geht es um die Themenwahl – indem man sein Programm nicht einzeln, sondern als großes Ganzes betrachtet. Ich versuche, sehr interdisziplinär und abwechslungsreich zu arbeiten. Für ein Museum umfassen wir eine vermeintlich geringe Zeitspanne von 1945 bis heute mit dem Schwerpunkt Bildende Kunst. Unsere Aufgabe ist es, viele Strömungen, Entwicklungen und Ansätze seit 1945 thematisch und monografisch zu präsentieren. Wir sind keine Kunsthalle und auch kein Kunstverein, weshalb unsere Ausstellungen auch in der Historie verankert sind. Mir ist es wichtig, dass man auch die Inszenierung des Themas bedenkt. Zum einen, weil ich aus dieser Richtung komme und mich viel mit dem „Display“ – theoretisch wie auch praktisch – beschäftigt habe, zum anderen, weil eine adäquate Präsentation die Inhalte unterstützt, die kommuniziert werden sollen.

Mir ist es wichtig, dass man ein Gefühl aufbaut und Stimmung erzeugt.

4. Wann ist Kunst für Sie relevant? Wenn sie einen bestimmten Adressaten hat oder geht es um Kunst um der Kunst willen (l’art pour l’art)?
Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich finde, Kunst hat nach wie vor einen Auftrag und erfüllt wichtige Funktionen in unserer Gesellschaft. Es ist sicherlich der eine Künstler mehr, der andere Künstler weniger politisch. Aber mir ist es wichtig, dass unser Programm nicht oberflächlich ist, sondern dass es wirklich um Inhalte geht. Natürlich kann ich auch der puren Schönheit viel abgewinnen und habe einen hohen ästhetischen Anspruch, aber ich mag es sicherlich nicht, wenn es nur um „retinale“ Kunst geht. Heutzutage braucht man da zumindest eine Mischung zwischen den Dingen. Grundlage ist aber immer ein formales Angebot, eine visuelle Betörung, damit es für den Betrachter interessant wird, sich eingehend mit der Kunst zu beschäftigen.

Wir versuchen in unseren Ausstellungen kunsttheoretisch relevante Fragen zu erörtern: Bei der Ausstellung „After All“ mit Sherrie Levine zum Beispiel ging es um eine Diskussion der Moderne, des Originals und um die Repräsentation der Kunst. Es ging um die mediale Welt und die Vervielfältigung, seit dem Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit. Es ist uns wichtig, Dinge zu hinterleuchten. Gesellschaftliche Relevanz in der Kunst ist äußerst wichtig. Insofern wird es hoffentlich immer mehr Künstler geben, die sich ihrer Rolle bewusst sind.

Künstler haben eine Stimme, die sie einsetzen können und mit der auch etwas bewirkt werden kann.

Das ist meines Erachtens ein wichtiges Ziel in der Kunst.

5. Gibt es in der heutigen Kunst noch innovative Elemente, die etwas Neues zeigen?
Ja! Es ist die Grundlage künstlerischen Schaffens, Ausdrucksmöglichkeiten zu finden, die zuvor nicht existent waren. Die Ausstellung mit Boris Lurie beispielsweise beschäftigt sich mit einem diffizilen Thema: dem Erbe des Holocausts und seiner persönlichen Verarbeitung dessen. Er arbeitet dezidiert mit der Verweigerung, dem Schockmoment sowie der visuellen Kombination aus Bildern der Pornografie und des Holocausts. Ein weiteres Thema aus unserem Ausstellungsprogramm zeigt zeitgenössische japanische Ästhetik in den Bereichen der Bildenden Kunst, Design, Architektur und traditionellem Handwerk. Hier geht es auch darum, inwiefern sich die globale Welt Stile aneignet und gestalterische Hybride entwickelt werden. Das Bauhaus ist stark von der japanischen Ästhetik beeinflusst worden, von deren Werten wie Reduktion, Schlichtheit und Eleganz. In unserer Ausstellung „Von der Kunst, ein Teehaus zu bauen“ sieht man zeitgenössische Übersetzungen einer traditionellen Beschäftigung der Japaner mit Handwerk, Material und einem perfektionierten, zeitaufwändigen Herstellungsprozess. Wenn man sich dieser kulturellen Phänomene bewusst wird, versteht man die Einflüsse beispielsweise in der mittlerweile von der westlichen Welt so geschätzten japanischen Kulinarik besser.

6. Prägnante Highlights aus den von Ihnen in Nürnberg kuratierten Ausstellungen?
In „WEtransFORM“ beispielsweise wurden künstlerische Statements mit wissenschaftlichen und gesellschaftlich aktuellen Fragestellungen zusammengebracht. Themenausstellungen, die sich interdisziplinär entwickeln, finde ich gut. Das Tolle an einer Position wie Sherrie Levine ist jedoch, dass es immer spannender wird, je mehr man sich damit beschäftigt. Das hat mir persönlich gut gefallen – die Ausstellung ist auch ästhetisch wunderschön geworden. Darüber freue ich mich sehr.

Ein Kunstwerk ist erst dann gut, wenn es viele Fragen aufwirft.

7. Wofür möchten Sie bekannt sein?
Ich möchte eine gewisse Haltung entwickeln – d.h. Kunst vertreten, die Relevanz hat. Ich möchte mich mit Dingen beschäftigen, die auch gesellschaftlich eine Rolle spielen. In einem inhaltlich stringenten Programm will ich einerseits ästhetische Interessen vermitteln und anderseits Inhalte damit verknüpfen. Insofern hoffe ich, dass es in meinem Programm auf vielen Ebenen etwas gibt, was für den Betrachter visuell, wie auch inhaltlich spannend ist. Ich möchte ein gewisses Niveau und eine internationale Sichtbarkeit erarbeiten – und natürlich dafür bekannt werden. (lacht)

Photocredits in der Reihenfolge des Erscheinens:

  • Blick in die Ausstellung „WEtransFORM. Kunst und Design zu den Grenzen des Wachstums“, Foto: Neues Museum Nürnberg/Annette Kradisch
  • Aufnahme Fassadenräume: Neues Museum Nürnberg, Foto: Neues Museum/Annette Kradisch
  • Abbildung Wendeltreppe: Neues Museum Nürnberg, Foto: Neues Museum/Annette Kradisch
  • Blick in die Ausstellung „Sherrie Levine. After All – Werke 1981-2016“, Foto: Neues Museum Nürnberg/Annette Kradisch
  • Blick in die Ausstellung „Boris Lurie. Anti-Pop“, Foto: Neues Museum Nürnberg/Annette Kradisch
  • Sämtliche Portraits von Frau Dr. Kraus, Fotos: Eva Karl, ideclarecolors.com

Herzlichen Dank Ihnen, Frau Dr. Kraus!

Informiere dich auf der Website des Neuen Museum Nürnberg über die aktuelle Ausstellung und sieh dir die neuesten verlinkten Bilder auf Instagram an.

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