Mirko Schallenberg

Über das Wesen der Dinge im 21. Jahrhundert.

Mirko Schallenberg führt das Genre Stillleben ins 21. Jahrhundert, indem er seine gegenständlichen Protagonisten in akribischer, beeindruckender Sorgfalt in eine zueinander bewusste Interaktion setzt. Was der Berliner Maler über Räume, den Kern der Dinge und Piet Mondrian zu sagen hat, kannst du hier lesen.

Datum17. März 2017 / Ort Berlin / Fotos 15

Welche Rolle spielt deine unmittelbare Umgebung für dich?
Das Atelier ist ausschlaggebend, wenn man kein Plein-Air-Maler ist. Als Gegenstandsmaler benötige ich zuallererst einen Raum, wo die Dinge auch verweilen können. Ich sammle diese Dinge. Wenn du dir diese Rollschränke ansiehst, wirst du tausende kleine Gegenstände finden, die mir begegnet sind. Auf den Bildern tauchen die Dinge irgendwann als Protagonisten auf.

Deshalb brauchen die Gegenstände zuallererst einen Raum – keinen kleinen Raum oder eine Garage, sondern einen Ruheraum. Den habe ich damals durch Zufall hier gefunden.

Ich muss meine Bilder nicht erklären – es ist alles sichtbar.

I DECLARE COLORS Mirko Schallenberg

Du sagst, dass das Einfachste auch das Schwierigste ist. Kann man das Einfache auch einfach erklären?
Auf meinen Bildern habe ich alles zugänglich gemacht. Wenn doch Fragen auftauchen, dann hat es mit dem Betrachter zu tun, der denkt, der Maler meine etwas Bestimmtes. Also traut der Betrachter seinen Augen nicht. Das hat viel damit zu tun, dass die Malerei sich in den Sechziger & Siebziger-Jahren zur Konzeptkunst hin verändert hat: Der Betrachter wurde von seiner sinnlichen Wahrnehmung befreit. Meine Malerei ist schon konzeptbasiert, möchte aber nicht nur Kopfkunst sein. Ich versuche, alle Sinne anzusprechen, auch Erinnerungsströme kindlicher Art und hoch philosophische Gedanken. Das sich daraus ergebende Gewirr als Resultat dieser Sinneserfahrungen ist der Anstoß, sich damit zu beschäftigen, dass auch das Einfache sehr komplex ineinander wirken kann.

Diese Komplexität ist beabsichtigt, hat jedoch ihren Ausgangspunkt trotzdem im Einfachen.

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Meiner Einschätzung nach ist das treffendere Wort dann Vielschichtigkeit, nicht Komplexität. Die Zusammenhänge der einzelnen einfachen Dinge ist ausschlaggebend, also die von dir erdachte Konstruktion.
Genau, meine Absicht ist es, die Gegenstände so zueinander in Beziehung zu setzen, dass sie etwas machen. Das ist eine Erweiterung des alten Genres Stillleben – es passiert etwas, was früher weniger von Interesse war: Damals interagierten die Gegenstände auf dem Werk kaum miteinander, denn Stillleben hatten Repräsentationscharakter, der Modernität und Macht zeigen sollte.

Mein Begehr ist, dass auf dem Bild etwas passiert.

Ich vergrößere die Gegenstände in der Komposition, sodass sie fast die Größe eines menschlichen Gegenübers einnehmen. Man bekommt als Betrachter ein Körpergefühl für die bildhafte Präsenz, wenn die Dinge eine bestimmte Größe haben. Dadurch passiert etwas … Der Gegenstand entfernt sich von seinem Begriff.

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Wenn ich deine Bilder ansehe, kann ich die Oberflächen fühlen. Berührst du die Gegenstände während des Malens? Wie erreichst du diese realitätsgetreue Wiedergabe der Dinge?
Stillleben tragen eine wichtige Rolle in der Kunstgeschichte, weil damit eine bestimmte Beschreibung der Welt möglich war und eine vorher nicht dagewesene Darstellung von Stofflichkeit erreicht wurde. Ich habe mir die Frage gestellt, was mich an diesem alten Genre noch berühren kann – und bin zum Schluss gekommen, dass es diese nahezu archaische Stofflichkeit ist. Ich arbeite nach Modell. Natürlich informiere ich mich auch zeitgemäß in verschiedenen Medien, aber ich male nicht nach Fotografien, denn ein Foto beinhaltet immer unkörperliche Verzerrungen. Wenn ich mit einem Bild anfange, habe ich ein vages Grundgefühl, was ich damit machen möchte. Es ist mehr eine banale Intuition, die ich im Lauf der Zeit in der Beschäftigung mit dem Ding weiterentwickle. Für diese bildnerische Weiterentwicklung ist das dreidimensionale Modell sehr hilfreich. Diese körperliche Aura versuche ich dann ins Bild hinein zu übersetzen.

Ich versuche den Weg zum Kern der Dinge einzuschlagen.

Deshalb auch die Vergrößerung: Formal sieht man etwas, was man vorher noch nicht gesehen hat und inhaltlich ergibt sich eine neue Konsequenz. Ich als Maler werde durch die Vergrößerung neu dazu aufgerufen, mich nicht nur um den Begriff, die Bezeichnung der Dinge zu kümmern – ich muss anders eingreifen. Letztendlich beschreibt genau dies meine Malerei, denn es entsteht etwas, was ich vorher nicht kalkulieren konnte. So wird zum Beispiel die spröde Rauheit eines vielgeschichteten Graus gespritzt, getupft, übereinandergemalt, erst zu einem Stein. Dinge kommen auf dem Bild zusammen und wenn nichts passiert, sie nicht miteinander interagieren, müssen sie ausgewechselt werden.

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Als Maler bin ich der erste Betrachter.

Und es wird immer schwieriger für mich, kalt erwischt zu werden, denn ich sehe sehr viele Bilder.

Bevorzugst du horizontale, vertikale oder diagonale Linien in deinen Arbeiten?
Wenn man Piet Mondrian und Sebastian Stoskopff (Stilllebenmaler aus 17. Jhdt.) an einen Tisch setzen würde, dann würde etwa das herauskommen, was ich mit meinen Bildern meine – die Stofflichkeit eines Stoskopff und die Geistigkeit eines Mondrian. Zwischen dieser glasklaren, gedachten Räumlichkeit eines Mondrian und der Höhlenräumlichkeit eines Stoskopff oszillieren meine Vorstellungen von dem, was heutzutage Bilder darstellen können.

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Wenn ich mir dein Werk ansehe, finde ich im Hintergrund stets Räume. Sind dies zusammenhängende Räume, beispielsweise im selben Haus oder isolierte, eigene Räume?
Es sind isolierte Räume, das hat mit dem Raum der Dinge zu tun:

Ein Objekt beansprucht einen gewissen Raum.

Das wissen auch Bildhauer, die früher ihre Objekte auf Sockel gestellt haben, sie aber heute oft auf dem Boden präsentieren. Somit suche ich den passenden Raum für die Dinge. Es gibt keine Schublade für die Hintergründe – es sind gedachte Räume, das heißt die Komposition auf dem Bild wird erst durch den Zusammenhang der Gegenstände hervorgebracht.

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Was sind für dich Merkmale der zeitgenössischen Kunst?
Es gab bereits alles, es wurde alles bis ans Ende geführt. Mittlerweile hat man sich daran gewöhnt, dass die Malerei tot ist. Denn heutzutage funktioniert einiges an Kunst über eine Entleerung einer Funktion, indem Gegenstände ihrer Bedeutung entleert werden. Ich brauche aber keinen Abstand vom Sinn. Es gibt bereits alles, außer man vernichtet es brutal. Ich kann nur gute Bilder ertragen.

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Hast du für bestimmte Gegenstände eine bestimmte Symbolik oder eine konkrete Metapher?
Es gibt keine konkrete Metapher, keine festgelegte Ikonografie, keine vorgeschriebene und nachgemalte Erzählung außer diejenige, die vom Gegenstand selbst ausgeht. Das Ziel zum Kern der Dinge vorzudringen muss den Dingen selbst abgelauscht werden. Ich arbeite nach dem Motto:

„Hab jetzt erstmal keine Angst“.

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So ist dir etwas geglückt, was über das Konventionelle des Stillebens hinausgeht.
Das hoffe ich.

Fotos: Eva Karl & Bernhardt Link

Danke, Mirko!

Wirf einen Blick auf Mirkos Website, wenn du seine großformatigen, meist quadratischen Arbeiten genauer ansehen möchtest. Folge für aktuelle Informationen dem Atelier Rank + Schallenberg, das er zusammen mit seiner Lebensgefährtin Kathrin führt, auf Facebook.

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