Leif Trenkler

Eine andere Art des Sehens

Leif Trenkler · I DECLARE COLORS Blog Interview · zeitgenössische Kunst · Eva Karl · Künstler Köln

Viel Grün, weite Wege, Wintergarten. Leif Trenkler zählt zu den Vorreitern der Neuen Figuration in Deutschland, war sowohl auf der Städelschule als auch auf der Kunstakademie in Düsseldorf und pflegt einen sehr aufmerksamen Umgang mit seiner Umgebung. Trenkler legt immer wieder angenehme Musik von Satie, Debussy oder J.S. Bachs Musik für Laute auf, während wir uns unterhalten.

Datum18. Januar 2018 / Ort Köln / Fotos 22

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Wie lange arbeitest du schon hier?
In Köln-Marienburg seit fast sechs Jahren, 2012. Davor hatte ich ein Atelier in der Kölner Südstadt, das war mehr wie ein Loft-Atelier. Hier kann man in Ruhe arbeiten.

Als ich mich mit deinem Werdegang und deinem Werk beschäftigt habe, ist mir aufgefallen, dass du gerne reist und in dem Reisen auch neue Reize …
… erfahre. Da sehe ich die Dinge frisch und neu. Wenn man nicht immer in der gleichen Umgebung ist, sondern in eine neue Landschaft, ein neues Gebiet kommt, dann sieht man alles verändert.

Hast du schon deine nächste Reise geplant?
Ne, noch nicht. (schmunzelt)

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Machst du das dann eher spontan?
Meine Frau ist ja Musikerin und hat oft Auftritte, daher reisen wir gerne gemeinsam dorthin, wo sie ein Konzert hat.

Dann nutze ich das Gebiet dort, um mir neue Reize zu erobern.

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Was muss dir ein Ort, eine Umgebung bieten können, damit du dort künstlerisch tätig sein kannst?
Das kommt immer auf den Ort an. In China konnte ich zum Beispiel keine guten Aufnahmen machen, das ist eher ein Ort der Poesie, wo man Gedichte schreibt. Man kann schlecht beurteilen, wann ein Ort interessant ist. Ich mache ja viele Fotos, wie du auch, und werte erst zuhause aus, was ich interessant finde. Ich mag generell gerne Wasser, weil es eine zweite Ebene im Bild ergibt. Ich finde Arizona interessant, weil es gutes Licht hat oder Texas, weil es klares, helles Licht hat. Auch die Pfalz hat atemberaubendes Licht.

Es gibt bestimmte Lichtverhältnisse, die mich interessieren.

Langes Licht in Lappland interessiert mich, wenn die Sonne sehr tief steht.

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Als jemand, der in Wiesbaden geboren ist, in Frankfurt und Düsseldorf studiert hat: Inwiefern bietet dir Köln genau diese besondere Umgebung?
Köln hat ja traditionell eine sehr gute Kunstszene. Darüber hinaus bist du schnell mal in Belgien, Paris oder Amsterdam. Sehr viele bedeutende Künstler leben hier in Köln: Gerhard Richter wohnt ein paar Kilometer entfernt, Rosemarie Trockel. Köln bietet mir eine gewisse Freiheit, dass jeder machen kann, was er will – in gewisser Weise „Laissez Faire“. Die Stadt ist nicht zu schön, wie z.B. Wiesbaden, München oder Düsseldorf.

Kann eine Stadt zu schön sein?
Ja, in Italien gibt es kaum mehr moderne Maler oder Künstler, weil die Städte so wunderschön sind und dort schon so viel in der Malerei gemacht wurde.

Wenn es zu schön ist, gibt es nichts Prickelndes mehr für einen Maler darzustellen, keine Widerstände.

Durch etwas Bruchstückhaftes wird der Raum geöffnet. Wenn alles schön und glatt ist, dann musst du nichts mehr malen, denn in der Malerei geht es ja auch darum, eine eigene Erfindung zu machen oder etwas zu malen, das nicht da ist. Wenn es zu schön ist, dann kannst du dich zurücklehnen und musst nichts mehr machen.

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Welche Rolle spielt das Thema „Heimat“ in deinen Bildern – im Gegensatz zu exotischen Motiven, die du auch darstellst?
Da musste ich gerade an Karl Lagerfeld denken, der gesagt hat „Die Heimat ist in mir“. Wenn ich reise, dann entdecke ich die Heimat in mir. Wenn ich reise, dann merke ich, was mich am meisten interessiert, da ich einen klaren Blick habe. Dadurch fallen mir Details auf, die ich sonst nicht sehe, wenn ich z.B. in der Kölner Innenstadt bin oder in einer gewohnten Umgebung.

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Welche Rolle spielen Netzwerke, besonders im Rheinland, für dich als Künstler in deinem Werdegang?
Das Thema hat für mich früher eine größere Rolle gespielt, in den 90ern bis in die 2000er hinein. Mittlerweile sind viele Künstler umgezogen nach Brasilien, Frankreich, Berlin und je älter man wird, desto mehr erweitert sich dadurch das Netzwerk. Weil in Köln so viele Maler leben, besteht hier vielleicht eine größere Diskussion über Malerei – aber mein Netzwerk spannt sich über ganz Deutschland und darüber hinaus, von Leipzig bis Zürich. Im Grunde genommen ist es zwar eine regionale Sache, aber man informiert sich, wo es gute Malerei gibt: Was passiert in Dresden, Frankreich, Holland? Ich beschäftige mich auch mit vielen Künstlern der Vergangenheit und recherchiere viel in Büchern. Das Netzwerk für mich ist also größer als das rein körperliche Netzwerk und geht über die Leute hinaus, die heute am Leben sind.

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Welche Dialogpartner haben dich geprägt?
Die ganze Kunstgeschichte hat mich geprägt, von Frührenaissance über die Abstraktion aus der Vergangenheit bis in die Gegenwart hinein. Als ich Mitte der 80er begonnen habe, figurativ zu arbeiten, kam damals z.B. der Direktor des Städelmuseums ins Atelier und meinte, dass das doch anachronistisch sei und wieso ich das denn mache – man male doch gar nicht mehr figurativ und es sei etwas ganz anderes angesagt. Trotzdem habe ich mich in die Figuration hineinbegeben und mir auch gedacht, dass es nicht darum geht, gegenständlich oder abstrakt zu malen, sondern dass beides denselben Stellenwert für mich hat. Wenn ich ein Bild male, dann geht es um ganz andere Dinge, da geht es um Komposition, Bildaufbau, welche Farbe mit der anderen korrespondiert. Ich habe mir natürlich sehr viele Maler angesehen. Konkrete Dialogpartner hatte ich im Studium mit Kommilitonen, mit denen ich mich teilweise bis heute austausche.

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Stichwort digitaler Dialog: Bisher habe ich keine Website von dir finden können. Ist das deine bewusste Entscheidung?
Ich hab keine Website, ja. Eigentlich stellen Galerien eine Website für ihre Künstler zusammen.

Für mich fand ich es nicht unbedingt erstrebenswert, eine eigene Website zu haben.

Erstens kostet es viel Zeit, es ständig zu betreuen und zweitens denke ich, dass es die Arbeit der Galerien ist, die Werke ins Netz zu stellen.

Insofern ist der Weg, dich zu erreichen, immer über die Galerien?
Ja. Ich bin da lässiger bzw. ruhiger und denke mir, dass gute Bilder und deren Qualität von alleine ins Netz fließen. Das genügt mir zur digitalen Verbreitung erstmal. Es ist schließlich etwas anderes, ein Bild im Netz oder in natura zu sehen.

Leif Trenkler / I DECLARE COLORS / Künstler im Interview in Köln. Städelschule Frankfurt & Kunstakademie Düsseldorf
Leif Trenkler, „SÃO PAULO“, 89 x 116 cm, 2017, Öl auf Holz

Welchen Unterschied machst du zwischen einem analogen und digitalen Reiz? Gibt es für dich einen wahren, besseren Reiz?
Wenn man sich ein bestimmtes Bild live ansieht, dann ist das ja eine ganz andere Sensation, als wenn man es im Netz sieht. Dort kann man es gar nicht richtig erfassen. Ein Bild kannst du ja bei Tageslicht, bei Sonnenauf- bzw. -untergang betrachten, von verschiedenen Winkeln. Ich denke da an holländische Künstler, die im Halbdunkel gemalt haben …

… wie verhält sich das aber mit der Tatsache, dass man mittels VR-Brillen genau so ein analoges Erlebnis nachahmen kann – lohnt es sich da für Galerien überhaupt noch, Ausstellungsräume zu unterhalten?
Ja, das fragen sich natürlich einige Galeristen gerade, ob es sich überhaupt noch lohnt, Ausstellungen zu machen. Soll man das dann den Museen überlassen oder den Kunsthallen? Ich denke, die Leute sehen sich Kunst gerne im Netz an, wenn sie ein Bild interessant finden. Doch die meisten gehen gerne noch immer in eine Galerie, um es zu betrachten, bevor sie es erwerben.

Es ist die Diskussion dieser Zeit: Natürlich informiere ich mich online, was eine Galerie in Los Angeles macht, aber ohne die Galerie gäbe es die Bilder und damit auch die Website nicht. Damit erfüllen Galerien noch immer einen Sinn.

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Man kann sich online schnell informieren, doch es ist eher ein oberflächliches Sehen.

Natürlich sind wir in einem Zeitalter der Information – man sammelt schnell viele Eindrücke und ist deswegen auch schnell gesättigt von allem möglichen. Am Schluss erinnert man sich gar nicht mehr, was man eigentlich gut fand. Deswegen entleeren sich mittlerweile ja auch die Städte und die Menschen kaufen nicht mehr in Geschäften ein, sondern bestellen in Online-Shops. Ich weiß nicht, ob dadurch der Reiz des Haptischen verlorengeht, wenn die Leute mit ihren Geräten zu Hause bleiben und sich alles ins Private holen.

Damit stellt sich auch die Frage, inwieweit Begegnungen im Rahmen der Kunst überhaupt noch stattfinden können?
Das wird in der Tat immer komplizierter. Du guckst dir auf Facebook die Leute erstmal an und beurteilst, ob du mit der Person überhaupt etwas zu tun haben möchtest (beide lachen). Es wird immer schwieriger, Leute zu treffen, weil sie schon gesättigt sind. Ich glaube, das geht irgendwann wieder zurück, weil die Leute keine Lust mehr darauf haben. (lacht)

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Kennst du das auch im Alltag, dass du überreizt bist?
Ich lass mich natürlich gerne ablenken, wenn ich eine Pause vom Malen haben möchte. Bei mir ist die Übersättigung zum Glück aber nicht groß, ich hab z.B. auch kein Smartphone, will mich da nicht so vereinnahmen lassen. Denn wenn man Bilder malt, möchte man ja einen gewissen Ausschnitt wählen. Ein Bild ist weder Video noch Fotografie – du willst einen ganz bestimmten Ausschnitt des Sehens auswählen und hast eine ganz andere Sichtweise darauf.

Das Bild muss ein paar hundert Jahre bestehen können, wenn es gut sein soll.

Es soll interessant bleiben. Als Maler guckst öfter und immer wieder auf das Bild – das ist eine ganz andere Qualität des Sehens, weil es um tiefergehende Reize gehen soll, die da stattfinden. Da möchte ich mich nicht übersättigen. Ich möchte noch in der Lage sein, mir Landschaften anzusehen.

Das ist eine interessante Unterscheidung, auf die Qualität der Reize zu achten.
Ja, es soll eine andere Art des Sehens sein – manchmal brauchst du 20 bis 30 Jahre, bis du sehr gut malen kannst.

Malen ist Eintauchen, ein visuelles Philosophieren.

Wie geht’s dir, wenn du auf eine leere Leinwand siehst?
(lacht) Da geht es mir sehr gut, weil ich schon davor das fertige Bild im Kopf habe, das ich darauf malen werde. Es ist nicht die Angst des Tormanns vor dem Elfmeter, sondern ich habe davor schon Bilder im Kopf. Manchmal dauert es Jahre, bis ich diese Bilder dann auch verwirkliche. Denn ich habe so viele Bilder im Kopf, dass eigentlich ein Stau entsteht, bis ich sie dann male. Manchmal ist es auch nicht die richtige Zeit, um ein bestimmtes Thema zu malen, dann werden andere Bilder vorgezogen.

Auch deswegen male ich gerne auf Holz, nicht auf Leinwand.

Holz ist zu Beginn nicht ganz leer, etwas Gewachsenes ist schon da. Welches Format, welche Größe und welche Proportionen das Bild hat, sind bei mir eher die wichtigen Fragen. Ich verwende nur Maße, die im 19. Jahrhundert verwendet wurden und für Menschen und Landschaften als Motive erprobt sind. Dann kommt es darauf an, wie sich kalte und warme Farben aufeinander beziehen. Ich arbeite mich langsam vor und muss manchmal eine Farbe eine Dreiviertelstunde lang anmischen, bis das richtige Blau entstanden ist. Irgendwann ist das Bild dann fertig – das kann ein kleiner roter Strich sein, mit dem das Bild dann perfekt ist.

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Wenn ich mir deine Bilder ansehe, dann sehe ich viel Ordnung – architektonische Ordnung, die Ordnung der Natur. Das scheint sich mir auch beim Blick in dein Atelier zu bestätigen, richtig? Jeder Pinsel scheint hier seinen Ort zu haben …
… naja, ich komme aus dem Chaos heraus und versuche, mir eine gewisse Ordnung zu schaffen. (lacht) Es gibt unendlich viele Möglichkeiten etwas zu tun, deswegen muss der Maler sich selbst eine gewisse Ordnung zu schaffen, um ein Bild in eine Ordnung zu bringen.

Trotz der stringenten Ordnung wirken deine Bilder leicht, gar spielerisch …
Ja, diese Leichtigkeit möchte ich gerne erreichen. Als ich zwischen 20 und 30 Jahren alt war, habe ich dunkle, düstere Bilder gemalt, schwer wie die Leiden des jungen Werther … (lacht) Mit der Zeit wurde ich immer farbiger und leichter.

Diese Leichtigkeit zu erreichen, ist ein langwieriger Prozess.

Es erscheint am Ende für den Betrachter leicht – und das soll es auch. Als Maler möchte ich ihm eine gewisse Schönheit, einen Optimismus für die Welt mitgeben. Wir haben genügend schwere Themen und Herausforderungen in dieser Welt, deshalb ist es mir lieber, was viel Können voraussetzt, etwas Leichtes, Positives zu erschaffen.

Leif Trenkler · I DECLARE COLORS Blog Interview · zeitgenössische Kunst · Eva Karl · Künstler Köln

Interview: Eva Karl, Fotos: Eva Karl & Leif Trenkler. Vervielfältigung oder Veröffentlichung der Bilder und des Textes – auch in Teilen – nur nach schriftlicher Absprache erlaubt.

Vielen Dank, Leif!

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