Gerd Harry Lybke

Zwei Generationen – ein Ziel

I DECLARE COLORS / Judy Lybke / EIGEN + ART LAB / Galerie der Zukunft / Berlin // zeitgenössische Kunst

Wie sieht die Galerie der Zukunft aus? Ich war in Berlin in der Galerie EIGEN + ART, um diese und weitere Fragen zu stellen. Dich erwarten verschiedene Perspektiven aus zwei Generationen mit Gerd Harry „Judy“ Lybke, Gründer & Eigentümer der Galerie und Pionierfigur der Leipziger Schule, sowie mit Marie Gerbaulet, Direktorin des LAB.

Datum27. April 2018 / Ort Berlin / Fotos 5

I DECLARE COLORS / Judy Lybke / EIGEN + ART LAB / Galerie der Zukunft / Berlin // zeitgenössische Kunst

Gerd Harry Lybke:

Hallo Eva, ich bin Judy. Wir setzen uns gleich mal da rüber. Um was geht’s heute?

Um die Galerie der Zukunft.

Wir sind ein Team und jeder arbeitet an seinem speziellen Thema. Heutzutage ist es wichtig, dass man sich aufteilt und den Leuten den Freiraum lässt, die verschiedenen Sachen zu machen, die ihnen am meisten liegen. Deswegen stelle ich dir – passend zum Thema Galerie der Zukunft – Marie vor, da sie mit dem Lab arbeitet. Abgesprochen haben wir uns nicht, soll auch kein Fake sein. (alle lachen)

Das Lab haben wir vor sechs Jahren gegründet. Das ist also kein kurzfristiges Projekt, das uns gestern erst eingefallen ist. Ich hab das Lab schon mal in Leipzig gemacht, da hieß es Medien-Lab. Das war von 1994 bis 1996, dieses Wort und diese Idee gab es also schon mal. Damals waren wir aber zu früh, das mit dem Medien-Lab hatte damals niemand verstanden. Die Kommunikationswege waren noch nicht so wie heute. Heutzutage, im EIGEN + ART LAB, das Marie betreut – sie ist dort die Direktorin – werden keine klassischen Einladungskarten mehr gedruckt. Dort läuft es über die neuen Medien wie Instagram und Facebook, da es dort ein ganz anderes Publikum ist.

Hier bei EIGEN + ART gibt es Einladungen aber schon noch analog, oder?

Genau, hier kannst du noch Flyer mitnehmen. Es geht auch darum: Wenn man etwas Neues macht, dann will man die bisherigen Kunden, das bestehende Netzwerk nicht verlieren. Außerdem gibt es auch diese besondere Wirkung des Labs auf Leute zwischen 25 und 35, die dort hinkommen und sich die Kunst ansehen. Manche von ihnen kaufen vielleicht etwas von der ausgestellten Künstlerin für 40€ über eine App und kommen dann auch hier rein in die Galerie, sehen ein Bild, fragen, was das kostet, ich sag „35.000“ und dann sagen sie „Ach, das nehm ich auch.“ Weil die Schwelle dann weg ist – man hat sich bereits damit beschäftigt. So generieren wir natürlich einen neuen Sammler/ein neues Klientel.

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Das heißt nicht, dass wir hier zwei Qualitäten machen.

Sondern der Anspruch an die Qualität ist auf dem gleichen Level.

EIGEN + ART hier ist eine Profi-Galerie, das EIGEN + ART LAB ist auch eine Profi-Galerie – nur dass sie andere Tools verwendet und dadurch natürlich auch mit anderen Leuten im engeren, stetigeren Kontakt ist. Wir haben hier langfristigere Künstler-Kollaborationen und auch die Strategie ist ein bisschen anders. Das LAB ist eben nicht eine junge On-Off-Sache, die dann mal vorbei ist, sondern es ist richtig hartes, professionelles Management. Wir wollen das auch wirklich durchziehen und sind denke ich auch die Galerie, die so ein LAB auch über mehrere Jahre hinweg schon am härtesten durchgezogen hat und am tiefsten drinsteckt.

Das LAB hat Partner wie Axel Springer Plug and Play Accelerator, was sonst niemand hat, es gibt auch andere Firmen, die im Kreativen etwas beisteuern möchten. Wir haben auch verschiedene Projekte entwickelt wie z.B. “Die Wand.“, unsere Startup-Company, wo wir immer eine Wand mit dem Support von Rheingau Founders bespielen und Installationen machen und und und …

Es sind neue Formate, die wir da ausprobieren.

Inwiefern siehst du in diesem Zusammenhang auch eine Veränderung des Klientels?

Auf jeden Fall sehe ich die! Da kommen Leute, die gar nicht wussten, dass sie kunstaffin sind. Die kommen, sehen die Kunst und sind dann ganz erstaunt, dass das auch das sein kann, wovon immer alle reden und wozu sie nie Zugang hatten – plötzlich gehören sie mit dazu, sind dabei und engagieren sich auch. Mit großem Elan und großer Lust. Und dann darf man auch nicht vergessen: Diejenigen des Klientels, die in der nächsten Generation nachkommen, sind auf ihren jeweiligen Gebieten auch Profis. Unter diesen professionellen Maßstäben sehen sie sich auch Kunst an. Und da kannst du – auch oder gerade wenn du z.B. ein LAB machst – nur Profi sein.

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Marie Gerbaulet:

Ich glaube, dass dafür das beste Beispiel unsere letzte Ausstellung mit Andy Kassier ist. Diese fand nur auf Instagram statt – wenn man während der Ausstellung ins LAB gegangen wäre, hätte man, bildlich gesprochen, vor verschlossenen Türen gestanden, da „Sunny Side Up“ ausschließlich eine digitale Ausstellung war. Das heißt nicht, dass wir ab sofort nur noch Online-Ausstellungen machen, aber wir wollten mal testen, wie das funktioniert. Auch die Eröffnung fand online statt, indem wir ein kleines Get Together hier live auf Instagram übertragen haben. Im Rahmen der Ausstellung verkaufen wir auch Arbeiten: Man kann ein Foto von Andy Kassier kaufen, aber es ist nicht gedruckt, sondern eine JPEG-Datei mit Echtheits-Zertifikat.

Das LAB ist der Raum für neue Formen, Formate und Plattformen, mit denen man ganz andere Leute mit ins Boot bekommt, die vielleicht gerade anfangen zu sammeln oder einfach kunstinteressiert sind und durch neue Formate einen Zugang zur Kunst finden. Das merken wir anhand der Rückmeldungen unserer Besucher, mit welchen wir sowieso ständig und überall im persönlichen Kontakt stehen. Wir versuchen, diese junge Generation langsam an Kunst heranzuführen, durch unterschiedliche Formate mit ihnen Verbindungen aufzubauen und dadurch persönlichen Kontakt mit ihnen herzustellen.

Wie sieht der Ausstellungsraum der Zukunft aus?

Der analoge Ausstellungsraum ist wichtig und bleibt weiterhin bestehen. Ich glaube, auch wenn Projekte online stattfinden und wir immer wieder weitere digitale Ausstellungen machen, kann das nicht den Ort des Labs ersetzen …

… sondern erweitern?

Genau. Und nochmal die Beständigkeit und die Idee dahinter anders testen.

Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass es wichtig bleibt, den analogen Ort zu behalten.

Man merkt anhand von Symposien, Workshops und Ausstellungseröffnungen, die wir im EIGEN+ART LAB gemacht haben, dass das wirklich ein Ort ist, wo man gemeinsam hinkommt und über Kunst redet, wo man diskutiert und Diskurse anstößt. Das kann auch alles im Internet passieren und tut es natürlich auch, aber der reale Ort an sich bleibt sehr wichtig. Es geht darum, eine Verbindung zwischen analog und digital zu erschaffen – das eine für das andere zu nutzen. Nicht auszutauschen.

Gerd Harry Lybke:

… die Kollegin bereitet gerade eine Ausstellung vor, die im September stattfindet: Wir beleuchten undercover das Thema „Identität“, worüber Marie auch schon ihre Masterarbeit geschrieben hat. Ganz vereinfacht: DU, du – bist du so, bist du hier oder dort, wer bist du digital?

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Marie Gerbaulet:

… es geht dabei ganz grob um Körperlichkeit. Was bedeutet der Begriff heute eigentlich noch zwischen dem Virtuellen und dem Realen? Nehmen wir den Unterschied überhaupt noch wahr? Wie verändern sich unsere Körper, welche digitalen Abbilder haben wir?

Was kann man denn nach sechs Jahren seit Bestehen des LAB sagen, welche Formate haben sich speziell für dieses junge Klientel durchgesetzt?

Instagram und Facebook funktionieren beide wahnsinnig gut, z.B. Facebook für Events, was mittlerweile auch von der älteren Generation genutzt wird. Die Jüngeren nutzen vor allem Instagram, oft auch Snapchat – letzteres ist für uns aber nicht relevant. Instagram dagegen ist wirklich sehr wichtig geworden.

Aus welchen verschiedenen Bereichen kommt das Publikum des Labs?

Klar sind Sammler da, darunter auch viele junge Kunstinteressierte, die von der Galerie zu uns ins LAB hinübergeleitet werden und auch viele, die über die vergangenen sechs Jahre von uns gehört oder gelesen haben.

Wichtig sind zudem Kooperationen des Labs mit Leuten aus anderen Disziplinen.

Beispielsweise haben wir im Januar/Februar mit einem jungen Modedesigner zusammengearbeitet und hatten deswegen bei der Eröffnung plötzlich zahlreiche Modejournalisten und Blogger vor Ort. Auch die Kooperation mit der Transmediale brachte viele aus der Tech- und Wissenschaftsszene und das dazugehörige Publikum ins Lab. Darüber hinaus gibt es auch Leute, die regelmäßig wiederkommen, und immer wieder neues Publikum von allen Seiten.

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Was bedeutet das alles für die Aufgabenverteilung in eurem Team?

Für uns ist es im Rahmen der Pressearbeit neben den bisherigen Aufgaben ein besonderer Fokus, soziale Medien zu verwalten und zu betreuen – sicherzustellen, dass Bilder und Presseinformationen dort gut positioniert sind. Darüber hinaus gibt es noch ganz viele weitere Dinge, u.a. auch Facebook- & Websitebetreuung, aber das sind natürlich keine komplett neuen Aufgaben. Vor allem auf Instagram sollte man am Ball bleiben und die Leute begeistern.

Wie sprecht ihr mit eurer Zielgruppe?

Nicht anders als sonst. Wir geben weiterhin professionelle Texte heraus, passen uns da keiner Jugendsprache an. Auch auf den sozialen Medien versuchen wir nicht etwas zu sein, was wir nicht wirklich sind. Wir kommunizieren aber bspw. auf Instagram prägnanter. Dort geht es um die W-Fragen: Was findet um wieviel Uhr statt und wohin geht’s? (beide lachen)

Wie ist das LAB als Teil von EIGEN+ART integriert?

Das LAB macht sein ganz eigenständiges Programm, arbeitet aber im engen Austausch mit der Galerie zusammen. Dabei gibt es, wie auch schon Judy meinte, eine Rückkopplung durch unsere gemeinsamen Absprachen:

Das LAB ist der junge Projektraum der Galerie EIGEN+ART.

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Wenn ein Event im LAB stattfindet, dann sind alle Mitarbeiter der Galerie dort vor Ort und umgekehrt. Das gilt auch für den Umgang mit Informationen: Alle im Team müssen an den unterschiedlichen Standorten Bescheid wissen, was los ist. Ich denke, dass sich beide Locations im puncto Publikum durch unsere unterschiedlichen Zielgruppenansprachen gegenseitig befruchten.

Welchen Hintergrund hast du, Marie?

Ich habe Arts & Culture und anschließend Kunstgeschichte studiert.

Von den konkreten Beispielen weg, die mir du bereits genannt hast, und mal ganz allgemein gesprochen: Wie würdest du die Galerie der Zukunft beschreiben?

Das ist schwierig zu sagen …

Ich glaube, die Galerie der Zukunft entwickelt sich gerade schon.

Ich finde es immer schwierig, von einem Zukunftsbegriff auszugehen, denn vieles ist schon jetzt sichtbar. Die Digitalisierung wird sich immer weiter auf Arbeitsprozesse auswirken. Ich bin aber auch der festen Überzeugung, dass Online niemals Offline ersetzen wird. Beides wird in Kombination bestehen bleiben.

Was hältst du von der Idee einer Online-Galerie?

Das kann gut funktionieren! Ich denke, da wird sich noch einiges Spannendes in dieser Richtung entwickeln. Da kommen noch Sachen auf uns zu, die wir uns noch gar nicht vorstellen können – Stichwort VR & AR. Im LAB passiert auch schon jetzt viel online, aber trotzdem ist der reale Raum noch wichtig. Ich denke, dass in diesem Bereich noch viel kommen wird und man für sich selbst als Galerie entscheiden muss, was man mitnimmt und was nicht, was zu einem passt und wieviel Digitalisierung man selbst zulässt.

Das sind denke ich ganz persönliche, eigene Entscheidungen.

Es wird sich in der Galerie der Zukunft sehr viel mehr online abspielen.

 

Bildnachweise in chronologischer Reihenfolge:

  • Header: Carsten Nicolai, reflector distortion, Ausstellungsansicht, 2016. Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin, Foto: Julija Goyd
  • Portrait Gerd Harry Lybke: Courtesy Enrico Meyer / Leipzig
  • Feedback #2: Marshall McLuhan and the Arts, Ausstellungsansicht, 2018. Courtesy EIGEN + ART Lab, Foto: Eike Walkenhorst
  • Tim Eitel, Vie imaginaire, Ausstellungsansicht, 2018. Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin, Foto: Uwe Walter, Berlin
  • !Mediengruppe Bitnik, Is anybody home lol, Ausstellungsansicht, 2017. Courtesy EIGEN + ART Lab, Foto: Otto Felber, Berlin
  • !Mediengruppe Bitnik, Is anybody home lol, Ausstellungsansicht, 2017. Courtesy EIGEN + ART Lab, Foto: Otto Felber, Berlin

Vielen Dank, liebes Team von EIGEN + ART!

Aktuelle Ausstellung bei EIGEN + ART: Tim Eitel
Aktuelle Ausstellung bei EIGEN + ART LAB: Condition Uncanny

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